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Nachhaltige Beschaffung im Gesundheitswesen: Transformationsprozesse managen

Zeit für Veränderung

Mangel an finanziellen Ressourcen und Fachkräften, Digitalisierung, Lieferengpässe sowie Sachkostendruck – das Gesundheitswesen sieht sich von enormen Herausforderungen konfrontiert bei gleichzeitig steigenden Ansprüchen. Das erschwert es Gesundheitseinrichtungen, in den drei nachhaltigkeitsbezogenen Verantwortungsbereichen Umwelt, Corporate Social Responsibility (CSR) und Corporate Governance (ESG) proaktiv zu handeln. Auch die Integration von Nachhaltigkeitskonzepten gestaltet sich herausfordernd. Gleichzeitig bergen gerade diese im Bereich Wirtschaftlichkeit große Chancen.

 

Die WeACT Con 2024, das Forum für Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen, sensibilisierte und motivierte dazu, die Transformation trotz all dieser Unwegsamkeiten – oder gerade deswegen – zur nachhaltigen und wirtschaftlich effizienten Organisation voranzubringen.

 

Nachhaltiges Transformationsmanagement beinhaltet die Integration von Nachhaltigkeitsprinzipien in Abläufe, Strategien und Entscheidungsprozesse einer Organisation. Dies verdeutlichte Dr. Maximilian Jungmann in seinem Vortrag "Die nachhaltige Transformation im Krankenhaus – ökonomische und ökologische Chancen". Transformationsmanagement zielt darauf ab, langfristig positive Veränderungen herbeizuführen, indem wirtschaftliche, soziale und ökologische Herausforderungen gemeistert werden. Für eine nachhaltige Transformation braucht es einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu gehören ein zielgerichtetes Engagement der Führungskräfte, ein effektives und maßgeschneidertes Stakeholder-Management, Strategien und Aktionspläne sowie angemessene Metriken und Berichte.

PEG - nachhaltige Beschaffung

Ganzheitlicher Ansatz

Eine bedeutende Erkenntnis aus den Bemühungen der Unternehmen im Bereich der Sozialen Verantwortung (Corporate Social Responsibility – kurz CSR) und der Umweltschutzeinheiten ist, dass CSR- und Umweltmanager eine wesentliche Rolle dabei spielen, positive Veränderungen für Umwelt und Gesellschaft voranzutreiben. Ihre Arbeit ist entscheidend, um innovative Ansätze für Nachhaltigkeit zu entwickeln und zu implementieren.

 

Um ihr volles Potenzial entfalten zu können, ist es wichtig, dass CSR- und Umweltmanager besser integriert und unterstützt werden. Ein breiterer Arbeitsumfang und mehr zeitliche sowie finanzielle Ressourcen ermöglichen ihnen, sich intensiv mit der Komplexität der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Zudem ist es entscheidend, ihre Bemühungen in Einklang mit den übergeordneten Geschäftszielen zu bringen, um eine kohärente und erfolgreiche Nachhaltigkeitsstrategie zu gewährleisten.

 

Für ein effektives Nachhaltigkeitsmanagement ist es ebenso essenziell, enge Kooperationen mit Geschäftspartnern und verschiedenen Akteuren in der gesamten Lieferkette aufzubauen. Diese umfassende Zusammenarbeit trägt maßgeblich dazu bei, nachhaltige Innovationen zu fördern und langfristige positive Auswirkungen zu erzielen.

Engagement der Führung

Transformationsprozesse erfordern sowohl Bottom-up- als auch Top-down-Unterstützung, besonders in der nachhaltigen Entwicklung eines Unternehmens. Ohne das aufrichtige Engagement der Führungskräfte sowie ein klares Mandat und Budget für die Transformationsmanager können selbst die besten Ideen, Maßnahmen und Strategien ihr Potenzial nicht voll entfalten. Nachhaltigkeit erfordert starkes und entschlossenes Handeln. Entscheidungen müssen in der von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit geprägten VUCA-Welt getroffen werden. Daher sind eine klare Botschaft sowie das eindeutige Commitment und Engagement der Unternehmensspitze unerlässlich, um jedes Teammitglied zu inspirieren und zu motivieren, zur gemeinsamen Nachhaltigkeitsmission beizutragen.

Stakeholder-Management

Um die Lücke zwischen den Zielen eines Unternehmens und den implementierten Praktiken zu schließen, ist es unabdingbar, die internen und externen Stakeholder von Anfang an einzubeziehen. Dazu bedarf es zunächst einer gründlichen Analyse relevanter Stakeholder, der Klärung ihrer Rollen innerhalb des Transformationsprozesses, effektiver Strategien zu Engagement und Kommunikation, dem Einsatz valider Kommunikationsinstrumente sowie kontinuierliches Lernen und Evaluierung.

 

Während es eine Vielzahl von Stakeholder-Engagement-Konzepten und -Methoden gibt, haben sich Ansätze, die Strategieentwicklung mit Kapazitätsaufbau und Stakeholder-Engagement verbinden, als besonders effektiv erwiesen. Durch frühzeitige Einbindung der Stakeholder in die Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien, bauen diese Vertrauen auf, gewinnen ein tieferes Verständnis für das jeweilige Thema und entwickeln eine gemeinsame Identität für die gleiche Sache. Das stellt sicher, dass sie anschließend die vorgeschlagenen Maßnahmen bereitwillig umsetzen. Partizipationsmaßnahmen können Workshops, Umfragen, Interviews und verschiedene andere Formen von Innovations- und Engagementprozessen umfassen.

Metriken und Berichte

Um sicherzustellen, dass die Vision, die Nachhaltigkeitsstrategie und die spezifischen Maßnahmen einer Organisation effektiv und effizient umgesetzt werden, ist es unerlässlich, SMART-Ziele zu definieren, d. h. Ziele, die spezifisch, messbar, erreichbar, relevant und terminiert sind. Nachhaltigkeitsziele und Leistungskennzahlen (Key-Performance-Indicator – KPI) müssen mit der Gesamtstrategie des Unternehmens in Einklang gebracht werden. Spezifische Methoden wie beispielsweise CO₂-Bilanzierung, Wesentlichkeits-, SWOT- und Kosten-Nutzen-Analysen tragen dazu bei, den Fortschritt effektiv zu verfolgen, Ergebnisse zu visualisieren und weitergehende strategische Entscheidungen zu treffen. Somit wirkt Erfolgsmessung motivierend auf Stakeholder, weiterhin innovative Ideen zu entwickeln, um die Transformation voranzutreiben, und Strategien umzusetzen. Darüber hinaus verdeutlicht sie, wohin sich das Unternehmen entwickelt, in welchen Bereichen der Nachhaltigkeit das Unternehmen den stärksten Hebel hat und wie sich die eigene Organisation von der Konkurrenz abheben kann.

5 Schlüsselstrategien für nachhaltige Beschaffung

Die Beschaffung stellt einen wesentlichen Hebel dar, um Gesundheitseinrichtungen auf nachhaltige Geschäftspraktiken umzustellen. Da insbesondere Gesundheitseinrichtungen bestrebt sind, Kosteneffizienz mit ökologischer und sozialer Verantwortung in Einklang zu bringen, ist die Integration von Nachhaltigkeit in die Beschaffungspraxis unumgänglich geworden. In seinem Vortrag "Nachhaltige Beschaffung im Gesundheitswesen: Investition in die Gesundheit von heute und morgen" vermittelte Christoph Pelizaeus fünf Schlüsselstrategien, die dazu beitragen, die Beschaffung in Gesundheitseinrichtungen nachhaltig zu gestalten:

1. Entwickeln Sie ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsprogramm

Die Einführung eines umfassenden Nachhaltigkeitsprogramms ist die Basis dafür den Beschaffungsprozess nachhaltiger zu gestalten. Dieses Programm umfasst eine Reihe von Initiativen, darunter:

 

  • Durchführung einer Wesentlichkeitsanalyse
  • Festlegung klarer Nachhaltigkeitsziele
  • Definition und Evaluation messbarer Ziele
  • Umsetzung von Aktionsplänen zur Zielerreichung

 

Dieser ganzheitliche Ansatz versetzt Unternehmen in die Lage, ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte während des gesamten Beschaffungszyklus einfließen zu lassen.

 

Unternehmen sehen sich zunehmend mit Vorschriften konfrontiert, wie beispielsweise der EU-Richtlinie über die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit (Corporate Sustainability Due Diligence Directive – CSDDD) oder der EU-Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung (Corporate Sustainability Reporting Directive – CSRD). Ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsprogramm zahlt zum einen darauf ein, die behördlichen Anforderungen zu erfüllen, zum anderen unterstützt es dabei, das Nachhaltigkeitspotenzial einer Organisation freizusetzen.

2. Ernennen Sie engagierte Nachhaltigkeitsbeauftragte und ermächtigen Sie sie mit einem klaren Mandat

Die Ernennung von Nachhaltigkeitsbeauftragten innerhalb des Beschaffungsteams ist entscheidend, um Nachhaltigkeitsinitiativen vorantreiben zu können. Sie fungieren als Fürsprecher für Nachhaltigkeit und unterstützen die Integration nachhaltiger Praktiken in die allgemeinen Beschaffungsaktivitäten der Einrichtungen. Dadurch stellen Unternehmen sicher, dass Nachhaltigkeit innerhalb der Beschaffungsprozesse priorisiert bleibt. Damit sie diese Aufgabe erfüllen können, brauchen sie ein klares Mandat und ein Budget.

3. Formulieren Sie eine solide nachhaltige Beschaffungspolitik

Die Ausarbeitung einer soliden nachhaltigen Beschaffungspolitik bietet einen klaren Rahmen für Entscheidungen und Maßnahmen innerhalb des Beschaffungsprozesses. Sie fasst das Engagement der Organisation für Nachhaltigkeit zusammen, formuliert spezifische Nachhaltigkeitskriterien für die Auswahl und Bewertung von Lieferanten und definiert Verfahren zur Überwachung und Berichterstattung über die Nachhaltigkeitsleistung. Durch die formale Verankerung von Nachhaltigkeitsprinzipien in diesem Grundsatzdokument bieten Organisationen den Akteuren im Bereich Beschaffung Klarheit und Orientierung. Dies ist besonders wichtig bei Entscheidungen für oder gegen bestimmte Lieferanten und Produkte, was wiederum Anreize für Hersteller setzt, nachhaltigere Alternativen zu entwickeln.

4. Integrieren Sie Verhaltenskodizes für Lieferanten in Verträgen

Um verantwortungsvolle Praktiken im Beschaffungswesen zu fördern, sind Nachhaltigkeitserwartungen in den Lieferantenbeziehungen fest zu verankern. Durch die Aufnahme von Verhaltenskodizes für Lieferanten in Beschaffungsverträgen kommuniziert eine Organisation deutlich ihre Anforderungen an Lieferanten. Dadurch zieht sie diese für ihr ethisches, ökologisches und soziales Gebaren zur Verantwortung. Gleichzeitig fördert sie damit eine Kultur der Nachhaltigkeit in ihrer gesamten Lieferkette.

5. Verbessern sie die Transparenz in der Lieferkette

Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette sind der Schlüssel zur Identifikation und Vermeidung von Nachhaltigkeitsrisiken und ermöglichen Organisationen, Chancen zu nutzen. Es unterstützt sie dabei, neue Vorschriften einzuhalten und ihre eigenen Nachhaltigkeitsprogramme zu stärken. Die Einführung von Systemen und Prozessen zur Verfolgung und Überwachung von Aktivitäten in der Lieferkette gibt ihnen Einblick in die Praktiken ihrer Zulieferer. Dadurch sind sie zusätzlich in der Lage, Nachhaltigkeits-Hotspots zu identifizieren und kontinuierlich zu optimieren. Die gesteigerte Transparenz demonstriert außerdem ihr Engagement für verantwortungsvolle Beschaffungspraktiken und baut bei den Stakeholdern Vertrauen auf.

Fazit

Nachhaltige Beschaffung ist ein umfassender Prozess, der strategische und konzertierte Planung erfordert. Ein ganzheitliches Nachhaltigkeitsprogramm, die Ernennung engagierter Nachhaltigkeitsbeauftragter, die Formulierung einer soliden nachhaltigen Beschaffungspolitik, die Integration von Verhaltenskodizes für Lieferanten in Verträge sowie die Verbesserung der Transparenz in der Lieferkette ebnet Gesundheitsorganisationen den Weg in eine nachhaltigere Zukunft.

 

Der Vortrag auf der WeACT Con 2024 wurde geleitet von:

 

  • Dr. Maximilian Jungmann, CEO von Momentum Novum. Er promovierte über die gesundheitspolitischen Herausforderungen des Klimawandels und engagiert sich auf national und international für diese Themenfelder.
  • Christoph Pelizaeus, Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements bei der P.E.G. eG. Mit seinem Team unterstützt er Einrichtungen und Unternehmen im Gesundheitswesen auf ihrem Weg zur Klimaneutralität und Nachhaltigkeit durch ganzheitliche Leistungen.
  • Moderation: Dr. Rabea Stockert, Flying Health